Bielefeld(WB). Von einer Sekunde auf die andere: Soeben saßen sie noch gemütlich in einer Bielefelder Stadtbahn beisammen und diskutierten über Jugend und Respekt. Plötzlich brechen Blitz und Donner über die Fahrgäste herein. Danach ist nichts mehr so, wie es einmal war. Unversehens finden sich Judithund ihr Bruder Justin, Professor Hieronymus und seine Assistentin, Hilde von Rottbusch und ihr Enkelkind sowie die Stadtbahnfahrerin Luka auf einem mittelalterlichen Markt wieder. Man schreibt das Jahr 1240, die Sparrenburg befindet sich noch im Bau und der Graf von Ravensberg feiert den Eingang einer Urkunde, die dem Örtchen Bilivelde die Stadtrechte verleiht.

Das Musical »Ticket in die Vergangenheit«, musikalisches Großprojekt zum 800-jährigen Stadtjubiläum, das in den vergangenen Monaten unter der Federführung der Musik- und Kunstschule entstand, führt mittels eines abenteurlichen Zeitsprungs mitten hinein in die Gründerjahre der erstarkenden Stadt am Teutoburger Wald. Marktfrauen und ihre Töchter bieten Waren wie Äpfel, Birnen, Kohl und Kleider wohlfeil. Ein Münsteraner Kaufmann nutzt das Fest des Grafen, um seine Tochter Helena an den reichen Magnus Munster zu verschachern. Doch er hat die Rechnung ohne Justin gemacht, der forsch dazwischen grätscht und sich sogleich in die schöne Helena verliebt.

Rivalitäten treten auch auf anderen Gebieten zutage. So hegt der Kaufmann aus Münster insgeheim einen Groll gegen die erstarkende Bielefelder Gilde. Er versucht, in den Besitz der Stadturkunde zu gelangen. Dazu kommt ihm Justin gerade recht. Der soll die Urkunde für den Kaufmann stehlen. Liebe und Leid, Neid und Intrigen – so gänzlich anders gestaltet sich das Leben im Mittelalter gar nicht. Dass die Zeitreisenden allerdings nicht mit Euro-Scheinen zahlen können und es weder Handy noch Twitter noch Facebook gibt, gehört zu den ernüchternden Erkenntnissen des munteren Tupps aus dem 21. Jahrhundert.

Der Literaturkurs des Max-Planck-Gymnasiums (Kevin Loock) erfand für die Begegnung der beiden unterschiedlichen Welten immer wieder witzige und hintergründige Dialoge. Als Justin Helena nach ihrer Handynummer fragt, antwortet diese zögerlich: »Ich finde Gefallen an der Acht.« Das Duz-Angebot weist sie zunächst entschieden zurück: »Das gehört sich nicht.«

Daneben lebt das Musical, das mit einem Großaufgebot von 225 Mitwirkenden aufwartet, von dynamischen Tanzszenen (Choreografie Ulla und Tchekpo Dan Agbetou) mit Tänzerinnen und Tänzern in historischen Kostümen (Sabrina Strunk) sowie einer stilistisch sehr weit gefächerten Musik (Johannes Strzyzewski). Vom lateinischen Lobgesang bis zum Rap, vom fetzigen Popsong bis zum schmachtenden Liebeslied ist alles dabei. Wobei Orchester, Band, Chor und nicht zuletzt die Schauspiel- und Gesangsolisten unter der musikalischen Leitung von Christian van den Berg ihren Part sehr präzise, spannungsvoll und klangschön meisterten. Pars pro toto sei an dieser Stelle nur der Rap des Münsteraner Kaufmanns genannt, der so mitreißend und kernig auf den »neuen Feind«, die Bielefelder Gilde, wetterte, dass es noch lange in den Ohren nachhalte. Zumal das als Zugabe wiederholte Stück mit dem Clou aufwartete, die tagesaktuelle Rivalität der Bielefelder und Münsteraner Fußball-Vereine zu beschwören. Doch auch das Liebesduett zwischen Justin und Helena oder der Rahmensong »Es ist was seltsames passiert« wiesen Ohrwurmqualitäten auf.

Die Zeitreise zurück im Stadtbahnwagon – Nachbau (Rainer Krause, Martin Kordes) und Videoeinspielungen von realen Stadtbahnfahrten (Dennis Böddicker) fließen ineinander und vermitteln die perfekte Illusion – verläuft nicht ganz reibungslos. Zunächst landen die Zeitreisenden im ausgehenden 19. Jahrhundert. Sie erkennen »ihr« Bielefeld schon in Teilen wieder und lernen den Erfinder und Industriellen Nikolaus Dürkopp kennen. Sie erfahren vieles über eine Zeit des technischen Fortschritts, in der zugleich wenig Rücksicht auf menschliche Befindlichkeiten genommen wurde. Doch wie es sich für ein echtes Musical gehört, wird am Ende alles gut. Die mitreißende Show, bei der Regisseur Gunther Möllmann alle Stränge reibungslos zusammenführte, begeisterte 6000 Zuschauer in fünf ausverkauften Vorstellungen. Eine künstlerische und logistische Meisterleistung, die höchsten Respekt verdient.

Von Uta Jostwerner / Foto: Hans-Werner Büscher